Vom Regenwasserrückhaltebecken zum Schulbiotop:

– ein “Grünes Klassenzimmer” für die Grundschule Pfrondorf

Die Ausgangslage

Im August 2002 kam es in Tübingen zu starken Regenfällen. Dabei konnten die schweren Lehmböden um Pfrondorf die anfallenden Wassermengen nicht mehr aufnehmen. Das abfließende Wasser gelangte von Norden und Westen her auf die Feldwege und Straßen und führte unter anderem im Bereich der Blaihofstraße und Umgebung zu Überschwemmungen.

Um solche Überschwemmungen in der Folge von Starkregenereignissen künftig zu vermeiden, wurde städtischerseits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen.

So wurde beschlossen, ein an das Schulgelände angrenzendes öffentliches Grundstück zu einem naturnahen Regenüberlaufbecken umzugestalten. Abfließendes Wasser aus den Feldern nordwestlich der Schule soll durch drei abgestufte Rückhaltemulden aufgefangen und verlangsamt über eine offene Ablaufrinne am Rand des Schulhofs in den Tiefenbach geleitet werden. Die mittlere der drei Rückhaltemulden wurde so angelegt, dass dort permanent eine Wassertiefe von 40-50 cm herrschen wird. Damit kann dieser Teich (gedacht ist an ein Oval mit einer Grundfläche von ca. 22×10 m) als Lebensraum für viele Kleintiere wie Wasserläufer, Libellen oder Wasserschnecken dienen. Die anderen Mulden sollen meist trocken liegen. Für die Hochwasserschutzmaßnahmen wurden insgesamt Mittel in Höhe von 30.000 Euro bewilligt. Der Pfrondorfer Ortschaftsrat hat dieses Konzept in seiner Sitzung vom 18.02.2004 grundsätzlich gutgeheißen. Die Maßnahmen wurden im Sommer 2004 (Unterquerung Kohlplattenweg) und im Oktober 2004 (Anlage der Hochwassermulden, Abflussrinne und Unterquerung der Zufahrt zum Schulhof) durchgeführt.

Die Hochwassermulde als Chance für ein “Grüne Klassenzimmer”

Da das Grundstück mit den Rückhaltemulden direkt an den Schulhof angrenzt, die Ablaufrinne sogar auf dem Schulgelände verläuft, bestand die einmalige Chance für die Schule, im Zusammenwirken zwischen Schulleitung, Elternbeirat und Förderverein, dieses Gelände so mitzugestalten, dass ein naturnahes Biotop entsteht, das im Sachkundeunterricht als “Grünes Klassenzimmer” für Naturbeobachtungen genutzt werden kann.

Geplant war hierbei nicht die Anlage eines fertigen Geländes, das hinterher zwar vielfältige Beobachtungsmöglichkeiten bietet, aber wenig Raum für die Mitgestaltung durch die Schüler bietet. Vielmehr soll das Schulbiotop durch zahlreiche Aktionen und Projekte wachsen und immer wieder umgestaltet und ergänzt werden können.

Die Hochwassermulde mit Leben füllen

Da städtischerseits keine weiteren Mittel zur Gestaltung als Biotop mehr bereit gestellt werden konnten, lagen die Maßnahmen zur Gestaltung allein in schulischer Verantwortung, vor allem auch hinsichtlich der Finanzierung. Der Förderverein der Grundschule, maßgeblich unterstützt durch die “Aktion Mensch” und die Jugend- und Senioren-Stiftung der Kreissparkasse Tübingen, übernahm die Mittelbereitstellung. Die Gestaltung des Biotops wurde nach eingehender Planungsphase ab April 2005 konsequent in Angriff genommen.

Zunächst wurde am Rande des Schulgartens eine ca. 17 m lange und ca. 0,8 – 1 m hohe Trockenmauer angelegt. Die Trockenmauer wurde mit den Schulkindern gemeinsam begrünt mit typischen Mauerpflanzen, wie z.B. gelber und weißer Mauerpfeffer, Steinbrech, Zimbelkraut, Hauswurz, Mauerblümchen, Mauerraute. Sie stützt nicht nur den Schulgarten ab sondern stellt einen eigenen Biotop dar, denn aufgrund vieler Hohlräume und Ritzen und ihrer Fähigkeit, Wärme zu speichern, ist sie für die Tierwelt von besonderer Bedeutung. Hier können sich wärmeliebende Eidechsen, Laufkäfer, Kröten, Spitzmäuse und viele andere Tiere ansiedeln, die als “Schädlingsbekämpfer” zur Stabilität des biologischen Gleichgewichts im Biotop beitragen.

Die Trockenmauer besteht lokal anstehendem Pfrondorfer Rhätsandstein, den das Natursteinwerk Nagel gespendet hat.

Im Zuge der Projekttage, die am 3./4. Juni 2005 stattfanden, wurden erste Pflanzaktionen durchgeführt und es entstanden weitere Gestaltungselemente, wie

  • Bohnen-Tippies
  • ein Kräuter-Hochbeet
  • eine Skulpturen-Wand
  • eine Feuerstelle
  • ein Lesesteinhaufen
  • drei große Schulfahnen
  • und vorallem: ein ca. 20 m langer Barfußpark

Im Biotop und in der näheren Umgebung wurden selbst gebastelte Nisthilfen für Vögel und “Insektenhotels” angebracht. Hier können Wildbienen, Hummeln und Florfliegen nisten – ebenfalls wichtig für das ökologische Gleichgewicht im Biotop.

Noch vor Ende des Schuljahres konnten schließlich in mehreren Elternaktionen die Bänke für das eigentliche “Grüne Klassenzimmer” in Erdfundamente im Halbrund einbetoniert werden. Darüber wurde eine Pergolakonstruktion aus 6 Eichenpfählen (aus dem nahegelegenen Schönbuch), gelagert auf Metallankern und versehen mit Querlattungen erstellt. Sie wird begrünt und spendet so Schatten für das “Grüne Klassenzimmer”. Ganz herzlichen Dank an Herbert Single, Zimmermeister, Till Welz, Landschaftsgärtner und Oberforstrat Götz von Bülow für ihre Mithilfe, ihr Knowhow und ihre Spenden!

Was wir im Jahr 2005 geschafft haben, ist in unserem ausführlichen Jahresbericht 2005 mit Bilddokumentation abrufbar (pdf, ca. 1,8 MB). Das Projekt wurde 2005 durch die “Aktion Mensch”, aber auch durch die Jugend- und Seniorenstiftung der Kreissparkasse Tübingen maßgeblich unterstützt – dafür ein herzliches Dankeschön!

Auch im Jahr 2006 ist das Areal weiter ausgestaltet worden. In nur 3 Elternaktionen im Mai, Oktober und November 2006 wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

Begrünung der Pergola zur Beschattung des “Grünen Klassenzimmers”
Parzellierung des Schulgartens
Anlage eines “Duftpfades” mit wohlriechenden Kräutern und Stauden
Anlage eines Beerensträucher-Riegels mit Himbeeren, Johannisbeeren und Jostar
Anlage von zwei Gehölzinseln mit diversen Sträuchern und einer Winterlinde
Beschaffung von kindergerechtem Gartenwerkzeug

Was wir im Jahr 2006 geschafft haben, ist in unserem Jahresbericht 2006 mit Bilddokumentation abrufbar (pdf, ca. 0,9 MB). Ein herzliches Dankeschön an die Stadt Tübingen, die uns 2006 finanziell unterstützt hat.

Auch 2007 wurde und wird viel im “Grünen Klassenzimmer” gestaltet. Im Vordergrund stand vor allem die Realisierung einer Wetterstation in Form eines “Wetterschiffs”, das von Jörg Kottkamp, Elternbeiratsvorsitzender und Architekt, konzipiert wurde; daneben wurde der Barfußpfad grundlegend saniert um ihn dauerhaft zu erhalten und der “Duftpfad” weiter mit wohlriechenden Kräutern und Stauden bestückt. Außerdem haben uns umfangreiche Pflegearbeiten zum Unterhalt der bereits angelegten Gestaltungselemente beschäftigt.

Die Arbeiten wurden auf insgesamt 5 größere Elternaktionen im Abstand von vier Wochen von April – Juli und im September angesetzt. Hier gibt es einen kleinen Überblick über die erste Elternaktion im April. Das “Wetterschiff” wurde bei allen Elternaktionen und bei mehreren “kleineren” Elternaktionen vorangetrieben. Im Sommer pflanzte das Kollegium gemeinsam mit den Schulkindern sieben verschiedene Kartoffelarten, außerdem verschiedene Tomaten auf dem Schulgarten. In einer großen gemeinschaftlichen Kraftanstrengung im September wurden das “Wetterschiff”, ebenso wie die Sanierung des Barfußpfads vollendet, das Gelände – dort wo Pflanzen neu gepflanzt wurden – von Unterbewuchs befreit und frisch abgemulcht, außerdem die Komposter versetzt an einen geeigneteren Standort.

Das gesamte Areal wurde im Zuge des “Kartoffelfestes” am 29.09.2007 der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei nahm Zimmermeister Herbert Single, der maßgeblich ehrenamtlich bei der Realisierung des Wetterschiffs mitgeholfen hat, auch die Taufe des “Wetterschiffs” im Beisein von Oberbürgermeister Boris Palmer vor. Danach gab es Kartoffelsuppe aus eigener Ernte!

Was wir im Jahr 2007 geschafft haben, ist in unserem Jahresbericht 2007 mit Bilddokumentation abrufbar (pdf, ca. 1,2 MB). Ein herzliches Dankeschön an die Stadt Tübingen, die uns 2007 finanziell unterstützt hat.

Auch 2008 wurde der Schulgarten liebevoll von Schulkindern, Lehrerinnen und vielen aktiven Eltern weiter gepflegt. Neu angelegt wurde bei der letzten Gartenaktion im November auch die lang geplante Kräuterspirale.

Außerdem gab es eine Schenkung der Kerschensteiner Schule aus Reutlingen. Zimmerlehrlinge bauten als praktische Prüfungsaufgabe im ersten Lehrjahr ein Fachwerkhaus und stellten es am 1. Juli 2008 im Schulgarten auf. Das ging so schnell, dass schon nach wenigen Stunden das Richtfest gefeiert werden konnte. Die Grundschüler genossen den ungewöhnlichen Schultag – bekamen sie doch auch von den Zimmerlehrlingen ein paar Tricks verraten, z.B. wie man acht Nägel auf einem Nagelkopf balanciert. Außerdem konnten sie sägen, hämmern, Flugobjekte herstellen und vieles mehr…

Langfristig soll am Fachwerkhäuschen Regenwasser gesammelt werden – so dass der Schulgarten immer mehr ein Ort des lebendigen Lernens wird.

 

Herzlichen Dank an alle, die an diesem Gemeinschaftsprojekt bisher mitgewirkt haben und weiter mitwirken!

 

Lesestocherkahn im Schulgarten – Taufe und erste Lesung

 

Vor Publikum im vollbesetzen Stocherkahn hat am Samstag, den 24.7.2010 im Schulgarten der Grundschule die Taufe mit anschließender erster Lesung stattgefunden.
Zuvor hatten Anja Metzger und Peter Fink den alten ausrangierten Stocherkahn liebevoll restauriert und angestrichen. Peter Fink hat eine selbstgeschriebene Erzählung
von Karl und dem Lesekrokodil, in der der Zuhörer erfährt, wie derStocherkahn zu seinem Namen gekommen ist, vorgelesen.

 

 

Es gab großen Applaus und das Publikum war sich einig, dass es noch viele weitere Lesungen auf dem Lesestocherkahn geben sollte.